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Beim Kauf eines Gebrauchtwagens gilt es aufzupassen: Vielfach übersehen die Autohändler Schäden - oder verschweigen sie sogar bewusst.
Silvio Gaiardelli kommt in Fahrt, wenn er Dossiers aus seinem Archiv anschaut. Der unabhängige Fahrzeugexperte aus Zürich hat die unglaublichsten Geschichten über Autos auf Lager: «Bei einem Toyota RAV wurden zum Beispiel Fahrzeugteile nur mit Kitt hingeklebt!» Auch hatte er schon mehrfach Autos mit verzogener Karosserie auf dem Lift, die der Verkäufer als «unfallfrei» angepriesen hatte.
4,5 Prozent weniger Occasionsverkäufe als im letzten Jahr
Bei der momentanen Wirtschaftslage läuft der Gebrauchtwagenhandel mit angezogener Handbremse. Im ersten Halbjahr 2003 wurden 4,5 Prozent weniger Occasions-Autos verkauft als in der Vergleichsperiode des Vorjahrs, einzelne Händler beklagen sogar Rückgänge um 40 Prozent.
Soll das Geschäft weiterhin rentieren, müssen Garagisten und Händler ihre Wagen möglichst schnell und mit möglichst viel Gewinn verkaufen. Silvio Gaiardelli warnt: «Ich habe den Eindruck, dass heute Occasions-Autos immer schlechter aufbereitet in den Verkauf kommen.» Zudem übersehen oder verschweigen die Händler kleinere oder auch grössere Mängel.
Kassensturz machte eine Stichprobe bei Garagen und Händlern. Mit versteckter Kamera filmte der Reporter, wie zum Beispiel ein Verkäufer der Bernina-Garage in Zürich einen zehnjährigen VW Golf anpries: Das Auto sei aus erster Hand, habe rundherum den Originallack und sei garantiert unfallfrei.
Der Test bei Gaiardellis Firma Autedia bewies in allen Punkten das Gegenteil. Nach Ansicht des Experten überschritten die Mängel das Mass von Bagatellschäden. Als «unfallfrei» konnte der Golf nicht gelten; der Garagist hätte den Käufer auf die reparierten Schäden hinweisen müssen.
Besondere Vorsicht ist bei den kleinen Flitzern geboten. «Diese sogenannten Power-Compacts fahren vornehmlich junge Leute, welche die Autos bis ans Limit fahren und häufiger als andere Automobilisten Unfälle haben», sagt Silvio Gaiardelli.
Alte Mängel: Nach dem Kauf schwierig nachzuweisen
Einen solchen Blech gewordenen Bubentraum fand Kassensturz bei Auto Dzigi in Schlieren bei Zürich: einen schnittigen Audi A 3 1,8 Turbo mit CD-Wechsler, Alufelgen, Sportfahrwerk. Der Verkäufer versprach vor versteckter Kamera: «Dieser Wagen lässt sich problemlos vorführen.» Doch irgendetwas an der Front schien nicht zu stimmen. Ein Blick des Fachmanns unter die Motorhaube brachte die Ernüchterung: Der Wagen war mit grösster Wahrscheinlichkeit ein Unfallwagen, primärtragende Teile waren beschädigt. Das Fazit des Experten: Hände weg!
Treten nach einem Autokauf Mängel auf, hat der Kunde oft Mühe zu beweisen, dass die Schäden schon vor dem Kauf bestanden. Diese Erfahrung hat Esther Rachmann mit ihrem 3er-BMW Cabrio gemacht. «Nach einer Fahrt im Regen stand das Wasser auf der Beifahrerseite 10 Zentimeter tief!», erzählt sie. Sie ist immer noch wütend: Seit zwei Jahren streitet sie mit ihrem Garagisten vor Gericht über eine ganze Liste von Mängeln.
Eine Garantie schützt vor Ungemach
Esther Rachmann bleibt hart: Ein Rückkaufangebot der Garage hat sie abgelehnt, den Verlust von 4000 Franken will sie nicht hinnehmen. Die frühzeitige Erkennung der Mängel und eine Vollgarantie auf Teile und Arbeit hätten ihr viel Ungemach erspart.
Auch Melanie Wilpernig hatte Pech beim Autokauf. Ausgerechnet mit ihrem ersten Wagen, einem Honda Civic CRX, ist sie schon auf der Heimfahrt vom Verkäufer stehen geblieben. Die Garage Bänninger in Dielsdorf ZH, bei welcher sie das Auto gekauft hatte, behob zwar den Schaden, verrechnete aber die Reparatur und das Abschleppen.
Seither sind immer wieder Mängel aufgetreten. Die junge Frau hat die Freude an ihrem Auto verloren. Von einem Umtausch oder der Rücknahme will der Garagist aber nichts wissen: Melanie Wilpernig hat den Wagen «wie gesehen» und ohne Garantie gekauft - ein Fehler, den sie bestimmt nicht mehr machen wird.
Vertrauen ist schlecht, Kontrolle Pflicht
Wer ein paar Grundregeln befolgt, kann sich beim Kauf eines Gebrauchtwagens böse Überraschungen ersparen.
- Der erste Eindruck zählt: Der Zustand von Lack und Polster gibt dem Käufer erste Hinweise darauf, wie der Vorbesitzer mit dem Fahrzeug umgegangen ist. Der Motor soll zudem sauber sein, ohne erkennbaren Ölverlust. Kenner nehmen die Spalte - zum Beispiel zwischen Türen und Kotflügel - genauer unter die Lupe, stellen anhand einer veränderten Lackstruktur überspritzte Teile fest oder messen die Lackdicke mit einem speziellen Gerät.
- Preisniveau feststellen: Erste Anhaltspunkte gibt die Eurotax-Bewertung. Vergleichen Sie ferner die verschiedenen Angebote in Zeitschriften oder im Internet. Auch ein Gespräch mit einem Fachmann kann helfen, den realistischen Preis eines Gebrauchtwagens ausfindig zu machen.
- Die Wartungsdokumente checken: Überprüfen Sie im Serviceheft die Wartungsintervalle und Kilometerstände. Bestehen Sie auf ein lückenloses Serviceheft und ein Abgasdokument ohne fehlende Seiten. Kontaktieren Sie im Zweifelsfall den Vorbesitzer oder die Garage, die den Wagen regelmässig gewartet hat.
- Eine Probefahrt ist auch für Laien aufschlussreich: Springt der Motor spontan an? Lassen sich die Gänge während der Fahrt mühelos einlegen? Hat die Lenkung kein Spiel? Zieht der Wagen beim Bremsen gleichmässig? Greift die Kupplung genug? All diese Fragen müssen Sie mit Ja beantworten können.
- Alle Versprechungen schriftlich festhalten: Tragen Sie neben den genauen Fahrzeugdaten auch Versprechen wie «garantiert unfallfrei» oder «garantierte Kilometer» im Kaufvertrag ein. Fragen Sie nach Reparaturen und lassen Sie sich die Rechnungen dafür zeigen.
- Den Verkäufer in die Pflicht nehmen: Lassen Sie sich im Minimum eine dreimonatige Vollgarantie auf Teile und Arbeit geben, bei neueren Fahrzeugen entsprechend eine längere. Lassen Sie sich zudem vom Händler schriftlich garantieren, dass er Mängel, die nicht dem Alter des Fahrzeuges entsprechen, kostenlos fachmännisch behebt.
- Auto-Check bei unabhängigem Prüfer: Im Zweifelsfall spätestens vor Ablauf der Garantie den Wagen durch einen unabhängigen Autoexperten prüfen lassen.
Die TCS-Broschüre «Auto-Occasion» enthält ausführliche Tipps und Anleitungen zum Kauf und Verkauf von Gebrauchtwagen; Kosten: 10 Franken, für TCS-Mitglieder gratis. Listen von Auto-prüfern sind erhältlich beim Verband der freiberuflichen Fahrzeug-Sachverständigen VFFS.
22. September 2003 | Daniel Müller
