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Artikel | Gesundheits-Tipp 1/2000

Verhütungsmittel - Stäbchen erset zen die Pille nicht

Das Drei-Jahres-Implantat Implanon ist für Frauen in gebärfähigem Alter nicht geeignet

Vor allem junge Frauen wollen das neue Verhütungsmittel haben. Den Boom ausgelöst hat der Basler Professor Johannes Bitzer mit gezielten - und bezahlten - Medienauftritten.

Pressekonferenz im Hotel Widder in Zürich. Die Firma Organon stellt das neue Verhütungsmittel «Implanon» vor, ein Stäbchen, das die Ärzte unter die Haut implantieren. An vorderster Front: Professor Johannes Bitzer, Gynäkologe von der Universitätsfrauenklinik Basel. Er lobt das Stäbchen: «Es ist für alle Frauen im gebärfähigen Alter geeignet.»

Einige Tage später. Die Sendung «Gesundheit Sprechstunde» im Schweizer Fernsehen berichtet über Implanon. Wieder steht Professor Bitzer im Mittelpunkt. Er implantiert das Stäbchen vor laufender Kamera dem Model Melanie Winiger. Schnell gleitet es unter die Haut.

Bitzer macht derartige Auftritte nicht umsonst. Er lässt sich von der Herstellerfirma Organon dafür bezahlen - und rührt kräftig die Werbetrommel. «Ja, Organon hat mich für die Pressekonferenz bezahlt», bestätigt Bitzer. Wie viel er kassierte, will er nicht sagen.

Leidet darunter nicht die Glaubwürdigkeit? - «Das ist eine berechtigte Frage», sagt Bitzer. Er weicht aber einer klaren Antwort aus und behauptet: «Ich habe Implanon genau so präsentiert, wie ich es auch als unbezahlter und unabhängiger Experte getan hätte.»

Dass «sich Ärzte neuerdings selbst für Pressekonferenzen bezahlen lassen», beobachtet Margrit Kessler, Präsidentin der Schweizer Patienten-Organisation (SPO), mit Skepsis. «Bezahlte Medienauftritte mit dem Ziel, bei den Frauen Bedürfnisse zu wecken und damit Geld zu verdienen, sind ethisch verantwortungslos», sagt sie.

Es sei nicht seine Absicht gewesen, junge Frauen dazu zu verleiten, sich Implanon einsetzen zu lassen, behauptet dagegen Johannes Bitzer.


Über die Nachfrage sind Frauenärzte nicht glücklich

Doch sein Auftritt weckte bei vielen Frauen die Hoffnung auf ein Verhütungsmittel, das bequemer und perfekter funktioniert als die Pille. Nach der Sendung liefen die Telefone in Spitälern und bei Gynäkologen heiss. «Besonders junge Frauen verlangen nach dem Stäbchen», sagt die Frauenärztin Verena Sutter von der Zürcher HMO-Gruppenpraxis Medix.

Über die grosse Nachfrage ist die Frauenärztin jedoch nicht glücklich. «Gut möglich, dass viele das Stäbchen schon bald nicht mehr wollen. Dann muss man es unter Lokalanästhesie wieder entfernen», befürchtet sie. Der Grund: Implanon pumpt Gelbkörperhormone in den Körper der Frau, die häufig Blutungsstörungen verursachen.

Das zeigen auch Studien des Herstellers. Mehr als die Hälfte von 2300 Frauen, die Implanon testeten, hatten keinen normalen Monatszyklus mehr. Ein Teil dieser Frauen hatte häufige und intensive Blutungen, andere sehr unregelmässige. Bei rund 460 Frauen fiel die Monatsblutung sogar gänzlich aus. 690 Frauen brachen den Test ab.

«Implanon ist kein ideales Verhütungsmittel. Für junge Frauen eignet es sich nicht», sagt Felix Häberlin, leitender Arzt am Kantonsspital St. Gallen.

Bernhard Schüssler, Chefarzt der Frauenklinik am Kantonsspital Luzern, doppelt nach: «Die Ärzte sollten Implanon nur in Ausnahmefällen implantieren.» Es eigne sich für jene Frauen, die sonst die Dreimonatsspritze kriegen. Doch das ist eine Minderheit: Auf die Spritze setzt nur ein Prozent aller verhütenden Frauen. Chefarzt Schüssler rät Frauen, die noch Kinder haben wollen, von Implanon ab. «Nach dem Entfernen kann es zu Problemen kommen. Es kann sehr lange dauern, bis die Frau ihren normalen Zyklus wieder hat.» Wie sagte Professor Johannes Bitzer an der Pressekonferenz: «Implanon eignet sich für alle gebärfähigen Frauen.»

Heute mit seiner Aussage konfrontiert, krebst Bitzer zurück. «Ich würde Implanon jungen Frauen nicht als erste Verhütungsmethode empfehlen.» Dies steht in krassem Widerspruch zur Botschaft, die er am Fernsehen mit Melanie Winiger vermittelte.

Der Werbefeldzug des Herstellers hat Erfolg. Schon über 1000 Frauenärzte liessen sich zeigen, wie man Implanon einsetzt. Dafür bezahlt der Hersteller 18 Ärzte als Ausbildner. Unter ihnen wiederum: Professor Johannes Bitzer.

Pirmin Schilliger

01. Januar 2000


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